Eindrücke bei einem Cafébesuch

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Eindrücke bei einem Cafébesuch

Eindrücke bei einem Cafébesuch

Schon für die alten Griechen gehörte Muße, also die Zeit des scheinbaren Nichtstuns, zur Bildung. Denn der Mensch braucht schließlich ab und zu eine Phase, zur Bestandsaufnahme seiner Erfahrungen und Eindrücke. Also sitze ich im Café und gönne mir eine Auszeit. Aber Irrtum. Ein Gespräch am Nachbartisch zieht mich in seinen Bann. Da sitzt anscheinend ein Neusser Stadtverordneter, der die feierliche Enthüllung des Ölgemäldes von EX-BM Napp miterlebt hat. Dieser feierliche Moment hat ihn allerdings verwirrt zurückgelassen. Wieso das? Kunst wirkt also doch nachhaltig auf den Betrachter! Ich komme nicht zur Muße, sondern höre zu. Besagter Tischnachbar hat also zuerst aus größerer Distanz das Porträt angeschaut und die Neusser Persönlichkeit als gut getroffen wiedererkannt. Nun kommt sein folgenschwerer Fehler: Er nähert sich dem Bild auf wenige Meter. Doch was ist das?

Jetzt wirkt der Mund des Ex-BM eher verzerrt, ein zynischer Blick beherrscht das Gesicht. Der sympathische Eindruck aus der Ferne ist verschwunden. Hier ist die besagte Verwirrung bei unserem Betrachter entstanden. Die Antwort seines Gesprächspartners, anscheinend kein Politiker, folgt nach einer Minute des Überlegens. Der Künstler muss sein Modell doch mehrfach aus der Nähe gesehen haben. Das weiß der Stadtverordnete nicht.

Ob er nur ein Foto als Vorlage hatte? Egal, aber er hat, so führt der andere seinen Gedanken fort, sein Modell doch gut kennen gelernt. Nicken, das klinge plausibel. Vielleicht will der Künstler dann genau das mit dem Bild verdeutlichen: Man kann eine Person erst dann angemessen würdigen, wenn man sie aus verschiedenen Perspektiven erlebt hat.

Schade dass Herbert Napp der Feierstunde fern geblieben ist.

Die nächste Frage am Nachbartisch geht an den Politiker, ob denn Frank Möll jetzt noch Chefredakteur beim Stadt-Kurier bleibe, wo er doch in London zum Außenminister ernannt worden ist. Da kann der Politiker sicher glänzen. Der Außenminister heiße Boris Johnson. Er sei nicht mit dem Chefredakteur identisch. „Wie konntest du die beiden bloß verwechseln?“

Über diese Frage muss ich noch nachdenken.

Allerdings habe ich dann schnell gezahlt und das Café verlassen. Wer weiß, welche Themen die Gesprächspartner noch angeschnitten haben. Das war mir eine Lehre, für eine wirkliche Mußestunde ist ein Café ungeeignet, vielleicht besser eine kleine Parkbank, ohne Nachbarn.

O.K. Kahlbau

 

Autor: Herr O.K. Kahlbau

Firma: ------

Datum: 20.07.2016